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Thema | September 2020


Worte des Herzens

Durcheinander, aufgewühlt und sprachlos? Wo uns Worte fehlen, können wir uns welche leihen. Von Menschen, die in Worte fassen konnten, was wir selbst nicht ausdrücken können. Eine solche Ressource sind die Psalmen in der Bibel: Seit vielen Jahrhunderten finden sich Menschen in den Worten dieser Gedichte und Lieder wieder. Egal, ob für die grösste Freude oder die tiefste Verzweiflung. Die «alten Worte» drücken Emotionen aus, die wir heute genauso kennen.



Persönlich
Die Beter verfassten die Psalmen als Ausdruck ihrer tiefsten Freude und Not. In den zahllosen Höhen und Tiefen des Lebens sahen sie Gottes tragende Hand. In den Psalmen findet sich die gesamte Breite menschlicher Erfahrungen und Gefühle, die Einzelpersonen oder das Volk verwendeten, um ihren eigenen Empfindungen lebendigen und tiefen Ausdruck zu verleihen. Einmal bitten die Autoren der Psalmen den Herrn zusammen mit der betenden Gemeinde, sie als seine Geliebten zu erhören und zu befreien. Ein andermal jubeln sie dem Herrn zu, der sie erlöst und beschützt hat, oder sie bringen ihre Klagen vor Gott und erinnern ihn an seine Versprechen. Empfindungen, die wir heute genauso kennen und erleben. Die in der Vielfalt der Psalmen aufgenommenen Empfindungen spiegeln Emotionen unseres Lebens wieder. 

Halleluja
Kennen wir solche Momente, wo wir Gott ein grosses Halleluja zurufen, wo wir ein Lied aus tiefem Herzen heraus singen und Gott anbeten wollen? Oder wo wir überwältigt sind von Gottes Grösse und Macht? In vielen Gebeten drücken die Autoren ihre Freude, ihr Lob und ihre Dankbarkeit aus. Einfach zusammengefasst: ein Halleluja an Gott. Gründe dafür werden in den Psalmen oftmals konkret genannt. In Anbetungs- und Dankespsalmen beschreibt der Beter die Grösse und Macht des Herrn. Sie beschreiben besonders die Eigenschaften Gottes und kommen aus dem Inneren des Beters. «Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel» (Psalm 8,2)! Auch in Lobpreis­psalmen preist der Beter Gott für seine Eigenschaften, die ihm in seiner gegenwärtigen Situation bedeutend sind. Biblischer Lobpreis kann nicht emotionslos geschehen. Er ist nicht nur eine Beschreibung der Attribute Gottes, sondern schliesst immer den Beter und seine Beziehung zu Gott mit ein. Lobpreis ist das Reden unseres Herzens mit Gott, das sich in unterschiedlichen Emotionen äussert. Wir wollen nicht aufhören, auf den Höhen unseres Lebens Gott immer wieder ein grosses Halleluja – ein «preist den Herrn» zuzurufen. Ob in eigenen Worten oder in Worten und Liedern der Psalmen.

Verzweiflung
«Ich bin erschöpft vom vielen Seufzen, die ganze Nacht hindurch fliessen meine Tränen, mein Bett ist davon schon durchnässt. Meine Augen sind vor Kummer schwach geworden, gealtert sind sie, weil ich zusehen muss, wie meine Feinde mich bedrängen» (Psalm 6,7–8 NGÜ). In solchen Psalmen verarbeitet der Beter nicht nur seine Trauer, er möchte auch Gottes Mitgefühl wecken. Deshalb benutzt er einfühlsame Worte und detaillierte Beschreibungen für seine Empfindungen. Er schöpft daraus die Gewissheit, dass der Herr mit ihm fühlen wird, und kann sich durch eine Erinnerung an Gottes gutes Wesen stärken, das seiner Trauer ein Ende setzen kann und wird: «Ich traue aber darauf, dass du so gnädig bist; mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst. Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut» (Psalm 13,6). In den Tiefen unseres Lebens fehlen uns manchmal die Worte. Dann dürfen wir Worte aus den Psalmen nehmen, die der Beter in seinem finsteren Tal aufgeschrieben hat. Jesus selber hat am Kreuz hängend ein Wort aus Psalm  22 zitiert. Weil Gott mein persönlicher, mitfühlender und tröstender Gott ist, kann ich meine Trauer vor ihm ausschütten, ihm sagen, was ich persönlich empfinde, und von ihm Trost empfangen. 

Aufruhr
Gedanken und Gefühle, die zu explodieren drohen, waren damals wie heute gegenwärtig. Als Christen sind wir von Zorn- und Rachegedanken nicht ausgenommen. Manchmal sind Zorngedanken schneller da, als uns lieb ist. Etwas überraschend, dass sich auch solche Gebete in den Psalmen finden, nicht? «Seiner Tage sollen wenige werden, und sein Amt soll ein andrer empfangen. Seine Kinder sollen Waisen werden und seine Frau eine Witwe» (Psalm 109,8–9). Darf man wirklich so beten? Der Beter scheut sich nicht, selbst diese bösartigen Wünsche vor Gott zu bringen. Er weiss, dass der Herr ihn kennt und er seine Gedanken deswegen frei äussern darf und sich vor Gott nicht verstecken muss. Gerade dadurch verarbeitet er seinen Hass, denn auch in diesen Psalmen wendet er sich an den Herrn. Von ihm erwartet er alle Hilfe, von ihm erwartet er Rache. Mit Zorn- und Rachepsalmen lässt der Beter seinen Zorn bei Gott raus. Er tut dies allerdings in einer Weise, die von sich weg auf den Herrn verweist. Gott selbst will die Rache in die Hand nehmen (vgl. Römer 12,19). Ich darf meinen Zorn mit ausdrucksstarken Worten vor Gott bringen. Er wird die Rache in seiner Allwissenheit recht ausführen. Der Beter erwartet, dass der Herr die Rache übernimmt und er sie loslassen darf. 

Zukunft
Die Psalmen greifen auch das Thema Busse auf. Uns fällt es oftmals schwer, uns heilsam mit Schuld auseinanderzusetzen. Natürlich: Wir «entschuldigen» uns oder «distanzieren» uns von Aussagen, die wir heute bereuen. Solche Worte alleine machen Busse billig und beiläufig. Für David beginnt Busse damit, dass er seine Schuld anerkennt und sie beim Namen nennt, ohne sich zu erklären oder zu rechtfertigen (Psalm 51,5–6). Erst dann wendet sich der Blick weg von dem, was war, hin zu dem, was in Zukunft werden soll. David bittet Gott um Erneuerung, angefangen bei sich selbst. «Erschaffe in mir ein reines Herz, o Gott, und gib mir einen neuen, gefestigten Geist. Schick mich nicht weg aus deiner Nähe, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Lass mich wieder Freude erleben, wenn du mich rettest. Hilf mir, indem du mich bereit machst, dir gerne zu gehorchen» (Psalm 51,12–14 NGÜ). So klingen Worte der Busse. Wenn Gott so ist, wie David in Psalm 51 beschreibt, dann ist Busse nichts Bedrohliches, sondern eine Tür, die aus Schuld herausführt in eine neue, positive Zukunft.

Fazit
Wann immer sich der Beter an Gott wendet, tut er dies mit seiner ganzen Person und allen seinen Emotionen. Dabei richtet er seine Freude, seine Trauer, seinen Zorn, seine Klage oder seine Busse immer an Gott. Wie entlastend zu wissen, dass wir eine Adresse, einen Ort haben, wo wir unser Herz ausschütten können. Unser Herr ist ein erfahrbarer Gott, mit dem wir eine persönliche Beziehung pflegen können. Dabei dürfen wir aus der Quelle der Psalmen schöpfen. Mich fasziniert, in welcher Ehrlichkeit und Offenheit die Psalmenschreiber ihr Herz vor Gott ausschütteten. Für uns sind sie Beispiele, wie wir unsere Gebete an unseren Herrn richten können. Besonders wenn uns eigene Worte fehlen. 

Wie ermutigend, dass wir Gott mit unseren Gebeten nicht überraschen. Denn er ist ein Gott, der unsere Gedanken schon von ferne kennt (Psalm 139,2) und weiss, wie es uns geht. Trotzdem freut er sich, wenn wir vor ihm unser Herz ausschütten – vielleicht mit Worten der Psalmen.

«Schenk mir wieder Freude über deine Rettung und mach mich bereit, dir zu gehorchen» (Psalm 51,14 HFA)!