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Thema | Oktober 2020


«Gefangen im Worte Gottes»

Wir machen uns auf die Suche nach Kriterien für einen mündigen Umgang mit unterschiedlichen Lehrmeinungen, die uns begegnen. Es geht darum, was uns Christen dabei prägt. Sind es Ängste und Sorgen? Sind es vorgefasste Meinungen? Oder ist es der unbändige Wunsch der Athener, immer etwas Neues kennen zu lernen? Die Reformation hat uns einen anderen Weg gewiesen: «Gefangen im Worte Gottes» war damals die Parole; und zu dieser Haltung sollen der Leser und die Leserin neu ermutigt werden.



Die Vorgeschichte hinter dem Zitat
Zur Zeit der Reformation spitzte sich zu, was sich von langer Hand abgezeichnet hatte: Die Kirche war habgierig, weltlich und korrupt geworden. Ehrgeizige Bauprojekte wie der Petersdom in Rom verschlangen ein Vermögen. Die Kirche brauchte Geld. Dabei erwies sich die Angst als ein besonders geeignetes Mittel zur Aufbesserung der Kirchenkasse: Man lehrte die Gläubigen, dass sie zwar als Mitglieder der Kirche durch priesterlichen Sündenerlass in den Himmel kämen, zuvor aber für ihre Fehler das Fegefeuer durchschreiten müssten. Daraufhin wurden für viel Geld sogenannte «Ablassbriefe» verkauft, die dem Käufer eine Verminderung der Qualen im Fegefeuer versprachen. Dass die Kirche gleichzeitig für sich die Deutungshoheit der Schrift beanspruchte, machte das Geschäftsmodell noch erfolgreicher.

Glücklicherweise gab es auch ehrliche Kirchenmänner, die den zunehmenden Widerspruch zur Bibel nicht kampflos hinnahmen. Einer der Berühmtesten von ihnen war Martin Luther. In 95 Thesen begründete er, warum der Ablasshandel nicht schriftgemäss ist. Dafür erntete er heftigsten Protest durch die offiziellen kirchlichen Würdenträger in Rom. 1521 wurde er für eine Aussprache auf den Reichstag zu Worms eingeladen. Als Martin Luther vor den Kaiser und die Kirche trat, sprach er: «Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftsgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nicht widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir. Amen!» (luther.de/legenden/ws.html) 

Was bedeutet «gefangen im Worte Gottes»?

Luthers Argumentation bei der Begegnung mit unterschiedlichen Lehrmeinungen ist für die reformatorische Theologie wegweisend geworden: Kein Mensch – weder der Papst, noch der Bischoff, noch irgend ein anderer kirchlicher Würdenträger oder ein Konzil – hat das Recht, die Deutungshoheit der Schrift für sich zu beanspruchen. Niemand ist offenbarungsidentisch. Die Deutungshoheit der Schrift liegt allein in der Bibel selber. Das bedeutet «gefangen im Worte Gottes».

Diese Erkenntnis wurde später unter den beiden lateinischen Maximen «scriptura sui ipsius interpres» («Die Schrift legt sich selber aus») und «sola scriptura» («allein durch die Schrift») zur Grundlage der reformatorischen Theologie. Beide Prinzipien sind bis heute das massgebliche Kriterium geblieben, wenn es darum geht, dass wir uns mit anderen Lehrmeinungen auseinanderzusetzen haben.

Bis zu diesem Punkt werden mir hoffentlich die meisten zustimmen. Wir leben heute in einer Gesellschaft, die Begegnungen mit anderen Kirchen und Lehrmeinungen immer seltener auf der Grundlage von biblischen Fakten beurteilt, sondern auf der Grundlage von Gefühlen und Eindrücken. Deshalb geht es als Nächstes darum, jene Kriterien wiederzuentdecken, die uns überhaupt erst zu einem mündigen Umgang mit anderen Lehrmeinungen befähigen; und nirgends treten diese Kriterien deutlicher zutage als in der Bibel selbst.

Kriterien für einen mündigen Umgang mit unterschiedlichen Lehrmeinungen
«Ich erinnere euch aber, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s so festhaltet, wie ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr’s umsonst geglaubt hättet. Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen» (1. Korinther 15,1–5).

In den vorangehenden Kapiteln des 1. Korintherbriefes ging Paulus auf die Frage ein, wie Differenzen im Allgemeinen (Kapitel 1–11) und verschiedene Phänomene wie zum Beispiel die Zungenrede oder prophetische Rede im Speziellen (Kapitel 12–14) innerhalb der Gemeinde zu beurteilen sind. Am Anfang des 15. Kapitels erinnert Paulus die Gemeinde von Korinth an die grundsätzlichen Massstäbe, die sich jeder Christ zu eigen machen muss, um urteilsfähig zu sein.

Konsequenzen für unseren persönlichen Umgang mit unterschiedlichen Lehrmeinungen
In diesem kurzen Schlussteil gehe ich noch auf drei wesentliche Konsequenzen ein, die sich aus der bisherigen Argumentation ergeben: Früher wurden andere Lehrmeinungen oft ignoriert. Jeder besuchte nur seine eigene Kirche – teilweise zum eigenen Schaden. Heute jedoch sind durch den Besuch unterschiedlichster kirchlicher Veranstaltungen verschiedenste Lehrmeinungen in der eigenen Kirche angekommen und durchs Internet sogar im eigenen Haus. Umso entscheidender ist es, wie wir damit umgehen.

Drei praktische Ratschläge können dir dabei helfen:

1. Wir müssen die Bibel kennen (sola scriptura – allein durch die Schrift). Weder Neugierde noch Ängste sind hilfreich, um sich über unterschiedliche Lehren eine Meinung zu bilden. Der bleibende Massstab, an dem sich alles zu messen hat, ist die Schrift (Vers 1).

2. Wir müssen Gott kennen (sola fide – allein aus Glauben). Wer Gott ist, erfahren wir nur, wenn wir Jesus kennen lernen, und zwar so, wie er durch die Apostel verkündigt wurde. Durch den Glauben an sein Erlösungswerk in Christus empfangen wir den Heiligen Geist (Verse 1–2).

3. Wir müssen Jesus kennen (sola gratia – allein aus Gnade). Ausschliesslich durch seinen Tod und seine Auferstehung sind wir gerettet (Verse 3–5).

Konsequenzen

  • Prüfe jede neue Lehre sorgfältig auf der Grundlage der Schrift. Dabei spielt nicht in erster Linie die in ihr verwendete Begrifflichkeit eine Rolle, sondern das theologische Konzept, das einem bestimmten Begriff zugrunde liegt. Es können, um ein Beispiel zu nennen, zwei Parteien den Begriff «Christ» verwenden. Für den einen bedeutet er: «Menschen, die durch Gottes Wort von neuem geboren sind»; der andere versteht darunter die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche.
  • Frage bei sachverständigen Männern und Frauen, die in einer lebendigen Beziehung zu Jesus Christus stehen, um Rat, wenn du unsicher bist, oder studiere einen guten Bibelkommentar!
  • Lass dich nicht durch grosse Namen blenden. Unabhängig davon, ob der Papst oder ein Theologieprofessor etwas lehrt (oder in deinem unmittelbaren Umfeld vielleicht auch irgendjemand wie Siegfried Zimmer, Roger Liebi, Johannes Hartl, irgendein Pastor der GfC, oder auch der Autor dieses Artikels selbst), vergiss nie: Kein Mensch steht über Gottes Wort, auch du selber nicht!

Literaturempfehlungen zum Thema
Armin Sierszyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte. Holzgerlingen: SCM 2018. 

Felix E. Aeschlimann (Hrsg.), Das Evangelium Gottes. Nicht toter Buchstabe, sondern Worte, die Leben schaffen. Beatenberg: Seminar für biblische Theologie, Augustdorf: Betanien Verlag 2020.