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Mission | November 2022


Mehr als genug !

Mit dem Versuch, unseren Besitz etwas zu reduzieren, verteilen wir den Familien bei uns auf der Missionsstation ein paar Gesellschaftsspiele, Puzzles und Bilderbücher, die bei uns nicht mehr im Gebrauch sind. Nachdem wir den Kindern die Spielregeln erklärt haben, tragen sie mit strahlenden Augen ihre «Geschenke» nach Hause. Einer unserer Jungs möchte sich jetzt aber doch schnell versichern, dass für unsere Familie noch genug Spiele übriggeblieben sind und schaut im Schränkchen mit den Gesellschaftsspielen nach. Als er einen Blick hineinwirft, ruft er ganz erstaunt: «Ich sehe ja gar keinen Unterschied!»



Hüten und Horten
Als «Nomadenfamilie» versuchen wir unseren persönlichen Besitz klein zu halten, weil wir ja sowieso bald wieder umziehen müssen. Trotzdem haben wir mehr als genug! Es gibt Dinge, die stehen bei uns über längere Zeit unberührt im Regal, in einer Spielzeugkiste oder im Schrank. Als gutbürgerliche Schweizer horten und sparen wir, tragen Sorge und leiten auch unsere Kinder dazu an. Nicht so bei unseren einheimischen Freunden. Bereits am Tag nach unserer Verteilaktion sehen wir die Kinder mit ihren neuen «Schätzen» draussen spielen. Zum Teil haben die Spiele bereits ihre Besitzer gewechselt, es wird geteilt und ausgetauscht, Spielteile bleiben im Gras liegen, von Hüten und Horten keine Spur. Aber immerhin: Ein paar Tage lang haben alle zusammen viel Spass und auch unseren Kindern macht das Teilen Freude.

Teilen und Schenken
In unserem Alltag treffen wir immer wieder auf äusserst selbstlose und gebefreudige Leute – nicht selten sind wir beschämt über unsere eigene, vielleicht kulturell bedingte knauserige Haltung, wenn uns wieder einmal jemand eine grosse Tüte mit dem schönsten Gemüse und Obst vorbeibringt. Teilen und Schenken ist in der Kultur von Papua-Neuguinea selbstverständlich, dem Gast bietet man nur das Beste an und wenn es auch das eigene Ehebett ist für eine Übernachtung. Auf seinen vielen Reisen muss sich mein Mann nie darum sorgen, ob er wohl irgendwo ein Bett findet und etwas zwischen die Zähne kriegt, überall erlebt er eine Willkommenskultur.

Versteckte Erwartungen
Oft ist das «Schenken» aber auch an Erwartungen geknüpft. Wenn man selbst in Not ist, erinnert man sich bestens daran, wo noch eine Rechnung offen ist und man eine Gegenleistung erwarten darf. So bleiben die grosszügigen Geschenke, genauso wie auch die hingehaltene leere Hand, nach wie vor eine Herausforderung für uns. War das Huhn, das mir heute jemand vorbeibrachte, wirklich nur ein Geschenk oder war da vielleicht auch eine versteckte Erwartung im Spiel? Ist es richtig, der jungen Frau ohne Familienrückhalt, mit einer kleinen finanziellen Zuwendung zu helfen oder schaffe ich falsche Abhängigkeiten?

Gesundes Gleichgewicht
Als Christen versuchen wir ein gesundes Gleichgewicht zu finden und uns die Himmelskultur anzueignen. Das Sparen und «treue Verwalten» im biblischen Sinne ist nicht zum Selbstzweck gedacht (Matthäus 25,23; 1.Korinther 16,2). Vielmehr werden wir dazu aufgefordert, grosszügig zu geben, Gutes zu tun, zu teilen, gastfrei zu sein, ohne zu klagen, und uns in dieser Welt keine Reichtümer anzuhäufen (Matthäus 6,19-21; Lukas 6,38; 1.Petrus 3,9; Hebräer 13,16). In dieser Hinsicht, scheint mir, wurde die Bibel extra für uns Europäer geschrieben. Ich auf jeden Fall habe noch viel zu lernen und möchte mich vom grosszügigen Teilen meiner einheimischen Freunde anstecken lassen!