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Thema | November 2019


Selbstwert– wer bin ich?

«Ich denke, also bin ich» (lat. «cogito ergo sum»)! So hat sich der Philosoph René Descartes (1596–1650) ausgedrückt. Er sah die Existenz des Menschen darin begründet, dass er über sich nachdenken kann. Einfache Schwaben wie ich würden vielleicht eher sagen: «Ich arbeite, also bin ich.» Wenn ich abends Muskelkater habe, fühle ich mich bedeutungsvoll. Einige gehen mit etwas mehr Anspruch vor und bauen mit dem hart erarbeiteten Geld ein schönes Haus. Und dann können sie sagen: «Haste was, dann biste was.»



Unterschiedliche Brillen
Ganz unterschiedliche Formen der Identitäts- und Wertbestimmung finden wir vor. Veranlagung, Begabung, von klein auf vermittelte Werte und welche «Brille» der Umweltwahrnehmung uns auf die «Nase» gesetzt wurde – all das kann den Bewertungsmassstab unseres Denkens beeinflussen.
Bei jüngeren Frauen heisst es vielleicht: «Hast du die Idealmasse und passt ins momentane Schönheitsbild der Gesellschaft, dann bist du bedeutungsvoll.» Junge Männer definieren sich vielfach über Muskelmas­­se oder die Anzahl PS unter der Haube ihres blank polierten Autos.
Der sozial eingestellte Mensch sagt: «Ich helfe anderen, das ist wichtig – und das macht mich wichtig.» Der Begabte definiert sich gerne über seine Karriere, seinen Status, seinen Titel und die Anerkennung, die ihm dadurch entgegengebracht wird.
Manche Personen mögen sich über geputzte Fensterscheiben, blitzende Armaturen und staubfreies Wohnen definieren, einige Politiker über ihr Anliegen, die Welt vor Feinstaub und sonstigen Gefahren retten zu wollen.

Ein Gedankenspiel
Schau dir nun die ganze Liste der verschiedenen Persönlichkeitstypen und ihrer Art der Identitätsbestimmung noch einmal an. Und dann mache gedanklich einen Strich durch deren Gesundheit, Vitalität, Unversehrtheit und Intelligenz. Und wie viel Wert bleibt dann noch übrig? Zeigt dieses Gedankenspiel nicht auf, dass solche Formen der Selbstwertbestimmung nur der hilflose Versuch sind, etwas zu schaffen, was menschlich nicht zu schaffen ist? Was früher oder später zerbricht und eine tiefe Identitäts- und Selbstwertkrise auslösen wird?

Etiketten
Wie wird der Wert eines Menschen bestimmt? «Du bist …!» Diesen Satzanfang haben wir alle immer wieder gehört. Wir spüren beim Nachdenken darüber, wie manche «Etiketten» uns das eine Mal aufs Podest der Wertigkeit gehoben haben. Und wir kennen auch Momente, wo der Selbstzweifel oder entsprechend abwertende Sätze von Mitmenschen uns vom Sockel in die «Mistgrube der Wertlosigkeit» geworfen haben. Eines wissen wir im Grunde zutiefst: Wir haben das unbedingte, fundamentale Bedürfnis, wertvoll zu sein. Und unser ganzes Leben ist ein ungestillter Schrei nach Anerkennung und Bedeutung, wenn es die Liebe Gottes nicht kennt! Dies erzeugt nicht nur Probleme im eigenen Leben, sondern überfordert auch das Umfeld und generiert permanent zwischenmenschliche Konflikte.

Liebe als Antrieb
Sogar viele Christen tragen diesen ungestillten Schrei in sich herum. Sie reden zwar von Gottes Liebe, meinen damit aber etwas ganz anderes. Für sie ist die Liebe Gottes nicht der Ort, an dem sie innerlich zur Ruhe kommen können. Nein, die Liebe Gottes ist für sie vielfach die Begründung dafür, warum sie sich noch viel mehr anstrengen sollten, sich für Gottes Sache einzusetzen, um ihn auf dieser Welt zu «ersetzen». Schliesslich müssen wir ja die Welt retten: missionieren, Gemeindebau betreiben, Homepages toll gestalten, Gottesdienste mit Eventcharakter entwickeln – und das bis ans Ende der Welt. Oder bis wir selbst am Ende sind. Am Ende unserer Kraft, unserer Gesundheit und unserer Ideen. Und hoffentlich auch mit unserem falschen Verständnis von der Liebe Gottes.
Wohlgemerkt: Nicht die Betätigung und Kreativität in diesen Arbeitsfeldern ist falsch, sondern eine fragwürdige Motivation. Wenn ich mich durch meine Aktivitäten bedeutungsvoll machen will. Wenn ich von «Lohn im Himmel» spreche und verkenne, dass nur das einmal belohnt wird, was die Liebe Gottes ohne Lohngedanken in mir und durch mich getan hat.

Liebe Gottes
Andere wiederum verstehen die Liebe Gottes sehr oberflächlich und denken, Gott wäre es relativ egal, wie wir unser Leben führen. Zur Not würde er auch zwei Augen zudrücken, um unser Fehlverhalten nicht zu rügen. Das ist mindestens genauso falsch wie das Leistungsdenken. Bei beiden Denkvarianten kommen wir nicht ins Staunen und Geniessen der Liebe Gottes, erfahren nicht ihre vitalisierende Kraft (des Heiligen Geistes), die uns nach Gottes Vorstellungen in Bewegung bringen will. Es gibt jedoch keine andere Dynamik, die uns gesund motivieren und unser Leben heilvoll prägen kann, als die Erfahrung der Liebe Gottes!

Lernen von den Kindern
Können wir auf eine schöne Kindheit zurückblicken?
Dann hatten wir vielleicht das Glück, dass wir eine Mutter und einen Vater hatten, die uns einfach geliebt haben. Eltern, die sich an uns gefreut haben und das Beste für uns wollten. Können wir uns noch daran erinnern, wie schön es war, einfach nur SEIN zu dürfen? Wir dachten mit keinem Gedanken an Wertschätzung und wie sehr wir uns danach sehnen. Wir dachten nicht daran, weil wir diese Wertschätzung in der Liebe von Vater und/oder Mutter erlebten.
Der vielleicht bekannteste König Israels beschreibt es in Psalm 131,2 (HFA) so: «Ich bin zur Ruhe gekommen, mein Herz ist zufrieden und still. Wie ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter, so ruhig und geborgen bin ich bei dir!»
Kinder brauchen diese Form von Liebe und Zuwendung. Warum? Weil sie sonst verkümmern. Ihre Motivation, die Welt neugierig zu entdecken und ihre Begabungen zu entfalten, würde sich nicht gesund entwickeln. Die Entwicklungspsychologen wissen das bereits einige Zeit. Die Bibel weiss es schon viel länger: Kinder brauchen kaum etwas nötiger als freudige Zuwendung, Liebe, Zärtlichkeit und liebevolle, aber klare Grenzen.
Wie gut deshalb, wenn Eltern z. B. beim Schieben des Kinderwagens den fröhlichen Augenkontakt mit ihrem Nachwuchs suchen und das Smartphone in der Tasche lassen. David macht in Psalm 131 deutlich, dass wir Menschen auf Gottes Liebe genauso angewiesen sind wie Kinder auf die Liebe ihrer Eltern.
Wenn wir uns auf diese Liebe konzentrieren und ihre Wirkungskraft tatsächlich erkennen und erfahren, dann sind plötzlich sehr viele Fragen geklärt. Auch die Frage nach dem Wert unseres Lebens ist dann wohltuend beantwortet.
Der Theologe Helmut Thielicke (1908–1986) prägte den treffenden Satz: «Gott liebt uns nicht, weil wir so wertvoll sind, sondern wir sind so wertvoll, weil Gott uns liebt!»

Wertvoll
Du bist … wertvoll! Weil du für den allmächtigen Gott wertvoll bist. Er hat in Jesus Christus den Himmel verlassen, um in seiner Liebe uns Menschen aufzusuchen und uns zu zeigen, wo wir hingehören: an sein Herz! Noch mehr: um uns zu erlösen, damit genau dies möglich werden konnte. «Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren» (Römer 5,8).
Hoffentlich begnügst du dich nicht mit weniger Wert, Sinn und Dynamik für dein Leben. Ich wünsche dir Gottes Segen und gegebenenfalls die Neuentdeckung dafür, wie Gott diese Welt und dich gemeint hat!