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Thema | Mai 2019


Im Alter die Jugend fördern

Selber im Pensionsalter angelangt, stelle ich mir verschiedene Fragen zu meiner Generation: Worin besteht die Rolle der älteren Generation? Müssen wir noch Erfüllung für uns selber finden oder sind wir frei, die nächsten Generationen zu fördern?




Eine eindrückliche biblische Geschichte beschäftigt mich schon seit meiner Teenagerzeit. Rehabeam, der Sohn und Nachfolger von König Salomo, holt bei zwei Generationen Rat ein (2. Chronik 10). Die Alten raten ihm, nicht stur, sondern nachsichtig und grosszügig zu sein. Die Jungen hingegen stacheln ihn an, hart und unnachgiebig zu sein. Die Jungen hatten noch keine Erfahrung und dachten nur in den Dimensionen, die sie schon kannten. Die Alten hingegen hatten vieles erlebt und wussten, dass es auf die Beziehungen ankommt, nicht nur auf Prinzipien und Ertragszahlen. Mich beschäftigt die Frage, warum in unserer Gesellschaft diese Rollen oft vertauscht sind.
Kann meine Generation diese gesunde Weisheit, die durch Erfahrung gewachsen ist, an die Jugend weitergeben? Oder sind wir manchmal nicht sogar engstirniger unterwegs als sie? Ich frage mich manchmal, ob in meiner Leistungs-Generation nicht ein Defizit an «Menschlichkeit» besteht. Haben wir Kopf und Herz frei, die nächste Generation zu lieben und zu fördern?

Vermitteln und versöhnen
Wenn wir Jesus kennen und in Gemeinschaft mit ihm leben, können wir uns vom eigenen Lebensfrust verabschieden. Erlebnisse der Vergangenheit sollen wir weder verherrlichen noch schlechtmachen. Gott hat uns geführt und bewahrt. Und da, wo wir heute sind, macht er uns glücklich.
Welche Rolle leben wir als ältere Generation? Sind wir selber nicht versöhnt, so fördern wir Spannung, Streit und Trennung. Sind wir versöhnt, so sind wir Friedensstifter. Damit wir die nächsten Generationen fördern können, braucht es zunächst einmal das Verständnis, dass die heutige Jugend ziemlich anders aufwächst als wir damals und sie auch ganz andere Herausforderungen hat. Ihr Denken und Handeln können uns unverständlich vorkommen, aber wir sollten nicht hinter allem, was wir nicht verstehen, gleich eine böse Absicht vermuten. Durch aufrichtiges Interesse am anderen kann auch gegenseitiges Verständnis wachsen. In Markus 10,21 heisst es: «Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb …». Persönlich begegnen, Augenkontakt suchen und die Person lieb gewinnen, das ist der Anfang vieler Versöhnungsgeschichten.

Lieben und lachen
Während meiner Kindheit war bei uns eine Krankenschwester im Gottesdienst. Sie fragte mich immer wieder, was ich so erlebe. Diese Margarethe, sie war aus Deutschland, lachte oft, vielleicht wegen des Schweizerdialekts, vielleicht wegen meiner Ideen und vielleicht einfach, weil sie mich liebte. Jede Begegnung mit ihr war ein Erlebnis! Ich kann mich zwar an keinen Rat von ihr erinnern, auch an keine spezielle Hilfe. Aber sie lachte viel und war eine Freundin unserer Mutter.
Vielleicht sind wir ganz praktisch unterwegs, mit Kochpfanne, Rasenmäher, Kinderwagen, Notebook, Bastelmaterial, Möbeltransport … manchmal am Lernen, Forschen, Geniessen, Erholen … vielleicht am Leiden, Warten, Ertragen … Vergessen wir aber nicht, wie wertvoll unsere Nächsten sind. Wir können zum Beispiel nach ihrem Ergehen fragen, uns um ihre Meinung interessieren und mit ihnen lachen!

Gesegnet sein und segnen
Ich war einundzwanzig. Von der Missionsschule aus besuchte ich auch Anlässe unserer Gemeinden in der Romandie. Dort wurde die französische Sprache für mich eine Entdeckung, eine Symphonie (wenigstens beim Zuhören). An einem Anlass erzählte ein alter Mann Beispiele aus seinem Leben. Die jüngere Generation sprach lobend über ihn. Er war ihr Vorbild. Spontan fühlte ich mich von ihm angezogen. In meinem Herzen kam ein Wunsch auf: Wenn dieser Mann mich segnen würde! Meine Zukunft stand wie ein Berg vor mir: Evangelisation unter Ausländern! Bringt das was? Wächst da Frucht heraus? Ich wusste es nicht. Ich hatte Sorgen. Und da war vor mir dieser alte Mann, der für so viele Menschen ein Segen war. Beim Anstehen zum Essen stand ich einmal ganz nah bei ihm, Schulter an Schulter. Könnte er mich und meinen Dienst Gottes Segen anbefehlen? Oder würde er mir wenigstens sagen: «Que le Seigneur te bénisse!»? – Er sagte es nicht. – In meinem Herzen betete ich still. Er vielleicht auch.
Solche Jugenderlebnisse steigen wieder vermehrt auf, während ich älter werde. Nur dass ich jetzt auf der andern Seite stehe, wenn sich solche Szenen wiederholen.

Warten und gehen
Was ist unsere Aufgabe, wenn unser Aktionsradius sich verkleinert und die Kraft abnimmt? Wir wollen einander ermutigen und auch selber im Vertrauen fest werden. Das Evangelium bewährt sich auch in der Schwachheit, wenn wir Hilfe brauchen. Gott bleibt treu, selbst wenn andere über unser Leben entscheiden müssen. Er verlässt die Seinen nicht, auch wenn sie nicht mehr selber beten können oder unruhig sind. Dass wir schon jetzt an unser Ende denken, macht uns klug (Psalm 90,12).
Bis heute habe ich vier Erbteilungen miterlebt – als Erbe oder als Erbteiler. Jede dieser Teilungen hat die Verbundenheit der Familien gestärkt. Die Erblasser hatten die Weisheit, nicht zu wenig und nicht zu viel zu bestimmen, und alle andern Entscheidungen den Erben zu überlassen. Offensichtlich war nicht nur der materielle Teil auf die nächste Generation übergegangen, sondern auch geistlicher Segen. « … ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach» (Hebräer 13,7). Schon Kinder beobachten, wie sich Menschen verhalten, die am Ende ihres Lebens stehen. Sind wir fähig über unser Abscheiden zu sprechen? Nicht nur über den Himmel – der ja wunderbar ist. Auch nicht nur darüber, dass Jesus wiederkommt und die Gläubigen vor dem Sterben bewahrt. Ja, wir wollen fähig sein, mit Alt und Jung über ihr Leben und unser Leben, über Freuden und Leiden, über die Gegenwart und die Zukunft zu sprechen.