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Thema | Juni 2020


Verborgenen Schätze heben

Hast du schon erlebt, dass du einem Stichwort begegnet bist: Du hast es oft gehört und gelesen, hast aber noch nie weiter darüber nachgedacht. Und eines Tages hat es dich gepackt. Endlich willst du der Sache auf den Grund gehen, willst wissen, wie es sich verhält … Und je mehr du liest und darüber nachdenkst, öffnen sich dir ungeahnte Welten. So ist die Bibel – voll von Schätzen. Entdeckst du sie, kommst du aus dem Staunen nicht mehr heraus. Du erkennst, wie relevant und lebensnah die Bibel ist.



Unterwegs auf staubiger Strasse
Es ist der erste Ostertag der Geschichte. Nachmittag. Wir befinden uns auf einer Strasse ausserhalb von Jerusalem. Kleophas und sein Freund sind von dort auf dem Weg nach Emmaus – traurig und aufgewühlt über die für sie kontroversen Ereignisse der vergangenen Tage. Sie tauschen aus, aber kommen in ihren Gedanken nicht weiter.

Ein Fremder gesellt sich zu ihnen, interessiert sich an ihrer Unterhaltung. Es geht um Jesus, seine Lehr- und Wohltätigkeit, um Intrige und Komplott der religiösen Elite, das Fehlurteil und die Hinrichtung am Kreuz. Seinen Tod. Nun sei ihr Meister auferstanden. Frauen aus ihrem Freundeskreis hätten berichtet, Jesus sei ihnen lebendig begegnet. Verstehen können dies die beiden nicht. Sie sind erstaunt, dass der Fremde nichts von alledem zu wissen scheint. Dieser ergreift nun das Wort ...

Ein Blick hinter die Kulissen
Wir wissen, dass der Fremde, den unsere beiden Freunde in dieser Gestalt nicht erkannt hatten, Jesus selber war. Die Begegnung wird in Lukas 24 erzählt. Über die Unterhaltung, die dann folgte, werden uns keine Details berichtet, nur dass Jesus anfing, aus dem Alten Testament («Mose und allen Propheten») auszulegen, was dort von ihm gesagt war. Ich lade ein, dass wir uns zusammen auf Fährtensuche durch das Alte Testament machen! Wo finden wir Hinweise, die Jesus in diesem Gespräch wohl aufgegriffen hat?

Fangen wir ganz vorne an
Gottes Schöpfung war ganz und gut und auf das Leben ausgerichtet. Weil unsere ersten Eltern der Lüge Satans mehr Gehör liehen als Gottes Weisung, brachen Sünde und Tod in diese Welt. Gott lässt den Menschen aber nicht ins Bodenlose fallen. Seine Verheissung weist auf den kommenden Retter, der einst die zerstörerische Macht der Finsternis besiegen wird (1. Mose 3,15):

Stellvertretung
Der Fremde mag unseren Freunden wohl aufgezeigt haben, dass sich das Prinzip der Stellvertretung wie ein roter Faden durch das Alte Testament zieht: Der Glaube Abrahams wird aufs Äusserste geprüft. Bereits liegt Isaak gebunden auf dem Altar. Im letzten Moment weist Gott auf den Widder, der nun den Platz des geliebten Sohnes einnimmt (1. Mose 22). Später ist Israel in Ägypten versklavt und soll durch die starke Hand Gottes in die Freiheit geführt werden. An Stelle aller erstgeborenen Söhne lässt ein einjähriges männliches Lamm das Leben (2. Mose 12–13). Im Gesetz wird das Sündopfer eingeführt (3. Mose 4). Mit dem Akt der Handauflegung auf den Kopf des Tiers und dem Bekenntnis von Schuld soll diese sinnbildlich auf das Tier gelegt werden. An Stelle des Sünders lässt das Tier sein Leben. Vergebung ist das Ziel der Stellvertretung, weil Schuld in der Beziehung des Menschen mit Gott nicht weiter ihre zerstörende und trennende Wirkung haben soll.

Wasser und Brot
Israels Wüstenwanderung mag auch aufgegriffen worden sein. Manna vom Himmel (2. Mose 16) und Wasser aus dem Felsen (2. Mose 17) – 40 Jahre lang hat Gott in äusserst lebensfeindlicher Wüste das Millionenvolk täglich mit Brot und Wasser versorgt …

Kleophas und sein Freund kennen die Geschichten. Es wird ihnen warm ums Herz.

Sie erinnern sich: Hatte Jesus nicht die Menschen eingeladen: Wer Durst hat, soll kommen und trinken … er nehme das Wasser des Lebens umsonst … Das Wasser soll in ihm zu einer Quelle werden, die unaufhörlich fliesst, bis ins ewige Leben (Johannes 4;6;7). Hatte Jesus nicht Bezug genommen auf das Manna und dann auf sich gewiesen als das wahre Brot vom Himmel? Seine Worte tönen den beiden noch in den Ohren: «Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben» (Johannes 6,35 NGÜ). Ja, und beim Abendmahl hatte Jesus Brot gebrochen und den Wein ausgeschenkt …

Das Kreuz im Zentrum
Der Fremde dürfte seine beiden Zuhörer weitergeführt haben. Immer noch auf der Wanderschaft durch die Wüste … Unglaube und mürrische Auflehnung gegen Gott hatten dazu geführt, dass er tödliche Schlangen ins Zeltlager kommen liess. Bereits hatte es vielen im Volk das Leben gekostet. Mose erhielt den Auftrag, eine eherne Schlange aufzurichten. Der Blick auf diese erhöhte Schlange sollte Todgeweihten das Leben bringen (4. Mose 21). Hatte Jesus nicht in einer seiner Reden Bezug genommen auf diese Geschichte und gesagt: «Wie Mose damals in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat.» (Johannes 3,14–15 NGÜ)?

Kleophas und sein Freund sind Auge und Ohr. Der Fremde fährt weiter. Greift Psalmen von David und anderen Liederdichtern auf, die in einer prophetischen Vorausschau minutiös einzelne Szenen vom leidenden Messias beschreiben (siehe z.B. Psalm 22):

In der Mitte der Knecht Gottes – in tiefster Agonie (Todeskampf). Allein, geschmäht und geschunden. Die Knochen kann man einzeln zählen. Die Zunge klebt am Gaumen. An Händen und Füssen gefesselt. Skrupelloses Pokern um seine Kleider. Wie eine Horde Hunde, Gewalttätige, Stiere und brüllende, verbissene Löwen – so umringen ihn seine Feinde. Geifernder Spott, erbarmungslose Verachtung … und eindringlich hallt in den Ohren unserer beiden Freunde der Todesschrei von Jesus nach – irgendwie bekannt, als der Fremde rezitiert: «Eloi, Eloi, lema sabachtani?» (Markus 15,34 NGÜ).

Sacharja, der vom Einzug des Friedenskönigs in Jerusalem schreibt (Sacharja 9). Jesaja, der eindrücklich vom leidenden Messias berichtet, wie er um «unserer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen» wurde, wie die Strafe, die wir verdient hätten auf ihm liegt, «auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt» (Jesaja 53).

Über diesen Ankündigungen der Propheten dürften die drei Wanderer in Emmaus angekommen sein. Wir verstehen, dass mittlerweile die Herzen unserer beiden Freunde brennen. Für sie waren es bisher bloss zusammenhangslose Einzelstücke gewesen, Erfahrungen halt, von denen sie viele nicht hatten einordnen können, die zuweilen verwirrten und auch Zweifel verursacht hatten. Und hier wurden die Einzelstücke durch diesen Fremden eins ums andere zusammengeführt ... Prophetie und Realgeschichte der vergangenen Tage fingen an, deckungsgleich ein Bild zu gestalten. Ein grosser, genialer Plan – Gottes Plan zur Rettung, zur Wiederherstellung!

«Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden …»
Unsere beiden Freunde laden den Fremden ein, über Nacht bei ihnen zu bleiben. Und da – beim Dankgebet und Brechen des Brotes fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen: Er ist es! Es ist JESUS! Die Freude über diese Jesusbegegnung ist in ihren Herzen zum lodernden Feuer geworden. Kein Weg ist jetzt zu lang, keine Nachtstunde zu spät – andere sollen es hören: Jesus ist auferstanden! Er lebt! Kleophas und sein Freund haben eine tiefgreifende Erkenntnis gewonnen: Wissen, Einsicht und Erfahrungen – wie tiefgreifend diese auch immer sein mögen – sind nur so wertvoll, wie sie uns, motiviert aus einer persönlichen Beziehung zu Jesus, zur Tat bewegen. Nur wer «zum gebrochenen Brot und ausgeschütteten Wein für andere wird», hat die eigentliche Bedeutung von Hingabe erfasst (O. Chambers, Mein Äusserstes für sein Höchstes, Andacht vom 30. September).

Zum Selbststudium
Verzeichnis der im Text erwähnten Bibelstellen

1. Mose 22
2. Mose 12-13
3. Mose 4
4. Mose 21
Johannes 3,14-15
Psalm 22
2. Mose 16
2. Mose 17
Johannes 4;6+7
Johannes 6,35
Markus 15,34
Sacharja 9
Jesaja 53