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Thema | Juni 2019


Der Tisch, an dem wir sitzen

Da will er am Bodensee mit seiner Frau etwas essen gehen. Im Restaurant, mit Veranda zum See, ist alles voll. Einzig an einem Vierertisch sind noch zwei Plätze frei. Er findet es unhöflich, sich dort zu setzen, und sie wollen gerade enttäuscht das Restaurant verlassen. Ein Mann führt sie aber nach Rückfrage an eben diesen Tisch. Auf die Bemerkung, dass die zwei anderen wohl keine Freude an ihnen hätten und vor ihnen da gewesen seien, sagt er: «Wissen Sie was? Ich bin der Besitzer hier, dieser Tisch gehört mir und so darf ich Sie da setzen. Diese zwei haben auch nur Besuchsrecht hier.»



Ein Herz für andere
So in etwa hat uns Traugott Hopp von der Akademie für Weltmission an der Steffisburgkonferenz 2018 diese Geschichte erzählt. Sie hat mich stark angesprochen. Ich fragte mich: «Wem gehört der Tisch, an dem ich sitze?» D.h. welche oder welcherlei Rechte habe ich? Ich meine dies ganz umfassend: seien es Lebensrechte, Wohnrechte, Eigentumsrechte, Wohlstandsrechte, Gottesdienstrechte und dergleichen mehr. Was haben wir verdient oder mitgebracht? Worüber haben wir zu bestimmen? Wir meinen, wir hätten uns so vieles verdient, der «Tisch» gehöre uns. Es will sich so vieles um uns und unser Ego drehen. Doch: Denken wir nur an uns oder haben wir ein Herz für andere? Lassen wir uns leiten von dem Wort: «Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient» (Philipper 2,4). Denn wenn wir es zu Ende denken, kommen wir zum Schluss: Eigentlich haben wir nur Besuchsrecht hier. Nichts gehört uns, alles ist uns geliehen. Aus dieser Optik haben wir es leichter für andere ein Herz zu haben.

Stammtischdenken
Auch in der Gemeinde sind wir in Gefahr nur unter uns bleiben zu wollen. Wir wähnen uns wie am Stammtisch. Wir fühlen uns als Besitzer. Wir fühlen uns gestört, wenn wir nicht «unsere» Sprache sprechen sollen, wenn nicht wir die Regeln bestimmen können. Wir sind gar in Gefahr zu vergessen, dass die Wiedergeburt nicht unser Verdienst ist. Die Zugehörigkeit zu Gottes Reich steht uns nicht einfach zu, sie ist ein Geschenk. Der Eigentümer der Gemeinde, Jesus, beschenkt die Menschen, die zu ihm kommen, mit der Wiedergeburt. Die Gemeinde gehört Jesus. Die «Tische», an denen wir sitzen, gehören Jesus. Wir haben nur Besuchsrecht hier. Unsere Aufgabe ist es, viele andere an seinen Tisch einzuladen.

Was trägt?
In unserer Welt verändert sich vieles. Unser Land wird multikulturell. Auch durch unsere Reisemöglichkeiten und den Medienkonsum werden wir mit unterschiedlichsten Strömungen der Welt konfrontiert. Wir und unser Denken werden in Frage gestellt. Selbst unser Glaubensfundament ist auf dem Prüfstand. Fragen bedrängen uns. Was trägt schlussendlich?

Dass unser Glaube geprüft wird, ist Gottes Wille, keine Katastrophe. Gott will, dass wir immer auf ihn hören, abhängig bleiben, seinen Willen tun und auf sein Wort achten. Paulus zeigt uns, worauf es ankommt: «… dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben» (Philipper 3,9).

Oft erschrecke ich, wenn ich bemerke, wie wichtig für manche der Ablauf eines Gottesdienstes, der Standort der Kanzel oder die Beleuchtung im Gemeindesaal ist. Über sein persönliches Glaubensfundament dagegen macht man oft wenig Worte. Ich hoffe, dass uns nicht irgendetwas Nebensächliches so wichtig wird, dass es uns vom Glauben an Christus entfernt. Dem Widersacher ist nichts zu gross oder zu klein, um uns vom wirklich Wichtigen im Leben abzuhalten.

Offen für den Nächsten
Viele unserer Mitmenschen stecken in Krisen und werden offen für das Reich Gottes. Vom Evangelium unerreichte Völker kommen zu uns. Es ist so schön festzustellen, wie viele Gemeinden offen sind, sich Menschen anzunehmen, sie aufzunehmen und an ihren Tisch zu nehmen. Wir müssen es uns bewusst sein: Wir waren nur ein bisschen eher an diesem Tisch. Sehr schnell fühlen wir uns berechtigt, die Ehrenplätze einzunehmen, und beschämen dadurch ganz leicht die anderen Gäste. Jesus warnt uns in Lukas 14,7–14 davor, uns am Tisch an den Ehrenplatz zu drängen. Wir sollen zurückhaltend sein, «denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden» (Vers 11). Auch sollen wir Menschen an unseren Tisch holen, von denen wir nichts zurückerwarten können, dann wird uns Gott dafür belohnen.

Eigene Wünsche zurückstecken
Als ich an der Steffisburgkonferenz über die Zuhörer blickte, wurde mir so richtig bewusst: Gott fordert uns alle mit diesem Thema heraus. Es wird nicht gelingen, ohne dass wir bereit sind, für dieses Ziel uns Liebgewordenes loszulassen. Seit Jugend wurden wir ja gelehrt, dass wir hier nur Gäste und Fremdlinge seien. Der grosse Wohlstand, in dem wir leben, verführt uns dazu, uns hier gütlich zu tun. Wir richten uns ein. Lehre und Leben drohen auseinanderzuklaffen. Wir fühlen uns zuhause. Der Himmel ist weit weg. Unser Gemeindename «Gemeinde für Christus» weist aus, dass wir nicht zum Selbstzweck leben, sondern dass dies «für Christus» geschieht. Wenn mir bewusst ist, dass ich nur Gast bin, dann weiss ich, dass ich nichts zu fordern habe. Ich darf mich freuen, wenn ich merke, dass auf mich Rücksicht genommen wird. Und ich freue mich auch, wenn ich merke, dass auf andere Gäste Rücksicht genommen wird!

Gemeinsam wollen wir Gottes Reich bauen helfen. Wir sind nur Gäste und nehmen aufeinander Rücksicht. Wir sitzen nicht oben am Tisch. Der Tisch gehört nicht uns – er gehört Jesus.