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Gemeinde | Juli/August 2020


Hilfe, wenn die Seele leidet

Die Psyche, das griechische Wort für Seele, ist die Gesamtheit des menschlichen Fühlens, Empfindens und Denkens und ist – wie der Körper für physische Krankheiten des Bewegungsapparats oder der Organe – anfällig für unterschiedliche psychische Leiden. Psychische Leiden können verschiedenste Ursachen haben, beispielsweise traumatische Erlebnisse, vererbte seelische Schwächen, schwierige Situationen und Lebenskrisen, Stoffwechselstörungen im Gehirn oder hormonelle Störungen, können aber auch unter anderem durch Suchtmittel oder Drogen ausgelöst werden. Die biblische Verwendung des Begriffs «Seele» ist sogar noch umfassender als der Begriff der Psyche und meint den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit (z. B. in 1. Mose 2,7 ELB).



1. Schritt: Genaues Hinschauen und Zuhören
Der erste Schritt des Seelsorgers oder der Seelsorgerin beinhaltet genaues Hinschauen und Zuhören, ohne eigene Erfahrungen auf den Ratsuchenden zu übertragen oder ihn in «eine Schublade zu stecken». Die Last des anderen zu tragen ist ein Auftrag an alle in der Gemeinde. Trotzdem ist es gut, wenn sich einige Personen in der Gemeinde intensiver mit dem Thema Seelsorge beschäftigen und diese Gabe auch gefördert wird.

Zum genauen Hinschauen gehört dann ebenfalls, sich auf dem jeweiligen Problemgebiet sachkundig zu machen – eigene reflektierte Erfahrungen können dabei sehr hilfreich sein. Kommt beispielsweise eine Mutter zu einem beratenden Gespräch, weil diese mit ihrem Kind nicht mehr zurechtkommt, so ist es für den Seelsorger oder die Seelsorgerin angebracht, sich auf dem Gebiet der Erziehung auszukennen oder sich weiterzubilden und zu informieren. Es ist dabei ziemlich logisch, dass für diese Aufgabe eine Person mit 25 Jahren, ohne eigene Kinder, als Seelsorger(in) weniger gut geeignet ist als eine Frau, die mehrere Kinder erzogen hat. Fühlt man sich bei einem Thema überfordert, ist es gut dazu zu stehen und jemanden mit Erfahrung mit einzubeziehen – dies muss aber mit dem Ratsuchenden abgesprochen werden – oder auch vorzuschlagen, eine in diesem Thema erfahrene Person als Gesprächspartner zu wählen.

2. Schritt: Ausrichtung an der Bibel
Die ganz wichtige Frage, die sich stellt: Was sagt die Bibel zu diesem Thema? Wenn auf dies verzichtet wird, fehlt die Ausrichtung am biblischen Massstab.

Als sekundäre Kriterien gelten solche, die auf menschlicher Ebene helfen können, einen Sachverhalt zu ergründen und zu beurteilen; denn wir Menschen leben auf dieser Erde mit unserer ganz natürlichen, leiblich-seelischen Existenz.

Wenn die Bibel zu einem Thema nicht direkt etwas aussagt, ist der Beurteilung ein gewisses Mass an Freiheit gegeben und es sollte geprüft werden, ob dann allgemeine biblische Prinzipien angewandt werden können. Wenn es beispielsweise um eine Depression geht und wie jemand «Schwaches getragen» (1. Thessalonicher 5,14) werden kann, so ist zu überlegen, was dieser Person in ihrer Situation konkret hilft, was sie unterstützt und wieder aufbauen kann.

Setzt eine Therapie ein Menschenbild voraus, das der Bibel konkret widerspricht, ist es nötig, diese Punkte von der Bibel her theologisch zu hinterfragen. Dies kann z. B. der Fall sein, wenn ein Tiefenpsychologe versucht, die Ursache und die Schuldfrage im Unterbewussten in der frühen Kindheit zu suchen, oder wenn z. B. bei einer Gesprächstherapie geraten wird, seinen Ehepartner zu verlassen, um sich besser selbst verwirklichen zu können.

3. Schritt: Seelsorgerliches Handeln
Der dritte Schritt ist das seelsorgerliche Handeln, wobei stets auf die Hilfe und die Möglichkeiten von Jesus hingewiesen wird. Das geschieht durch ermahnen, trösten, ermutigen und begleiten. Kommt beispielsweise eine ältere Frau zu einem Gespräch, die gerade ihren Ehemann nach langer Krankheit verloren hat, so sind Worte des Trosts und der Zuversicht hilfreich sowie eine enge Begleitung in den anstehenden Wochen. Wobei in diesen Situationen «nahe sein» und begleiten wichtiger sein können als Worte.

Psychologie
Worum geht es nun in der Psychologie und was unterscheidet diese von der Seelsorge? Die Psychologie ist eine Wissenschaft, welche die Psyche – also die Seele des Menschen – insgesamt erforscht und beschreibt. Dabei geht es um Emotion, das Denken (Kognition) und resultierendes Verhalten, sowohl bei gesunden als auch bei kranken Menschen. Eigentlich können Christen gar nichts gegen Psychologie als solche einwenden, soweit diese nicht interpretiert, sondern nur Beobachtungen beschreibt. Sie erforscht einen Teil des Wunderwerks Mensch. Psychologische Kenntnisse sind deshalb eine nützliche Hilfsdisziplin für den Seelsorger; deren Anwendung sind jedoch noch keine Seelsorge, und der Massstab muss die Bibel bleiben.

Psychiatrie
Was macht darüber hinaus die Psychiatrie? Der Psychiater ist ein Arzt, der ein Medizinstudium absolviert hat und anschlies­send eine Spezialisierung in die Fachrichtung Psychiatrie vorgenommen hat. Man nimmt an, dass ungefähr 5% der Menschen an schweren psychischen Krankheiten (Psychosen) leiden. Diese Psychosen haben mit der Biochemie, also mit Veränderungen im Gehirn zu tun und die darunter leidenden Menschen sind auf die psychiatrische Hilfe angewiesen. Beispielsweise verschiedene Formen der Schizophrenie, manisch-depressive Syndrome, schwere Formen der Depression und wahnhafte Zustände erfordern die Gabe von Medikamenten, welche die Krankheiten nicht wegnehmen können, aber helfen, schwere Leiden besser ertragen zu können. Patienten können unter der Medikation oftmals ihren Alltag bewältigen und ihrem Beruf nachgehen.

Seelsorge kann auch bei einer psychischen Erkrankung hilfreich sein, aber sie ersetzt keinesfalls den Arzt oder Medikamente. Wer in der Seelsorge tätig ist, sollte in Grundzügen psychiatrische Leiden erkennen und den Gang zum Arzt anraten oder bei Bedarf den Kranken gemeinsam mit Angehörigen dorthin begleiten.