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Thema | April 2024


Gewohnheiten – wenn das Gehirn ruht

«Wir sind die Summe dessen, was wir immer wieder tun», hat jemand gesagt. Unser Alltag besteht aus vielen Gewohnheiten, welchen wir einfach folgen. Was bedeutet das jedoch für unser Glaubensleben?



Von Gewohnheiten und Ratten
Um Gewohnheiten zu ergründen, haben Forscher die Aktivität des Gehirns von Ratten aufgezeichnet, während diese in einem Labyrinth ausgesetzt wurden, an dessen Ende eine Tafel Schokolade lag. Sie setzten eine Ratte hinter eine Trennwand, die sich öffnete, wenn ein Klick ertönte. Wenn eine Ratte den Klick hörte, wanderte sie durch das Labyrinth und schnüffelte, um ihre Belohnung – die Schokolade – zu suchen. Während diesem Suchen arbeitete ihr Gehirn auf Hochtouren. Je öfter das Experiment mit den gleichen Ratten wiederholt wurde, desto mehr nahm die Aktivität des Gehirns ab, und die Tiere liefen immer schneller auf direktem Weg zu ihrer Belohnung. Die Hirnsonden zeigten, dass sich das Ablaufen dieser Routine in einem besonderen Teil des Gehirns abspielte, währenddem der Rest des Gehirns sozusagen einschlief. Deshalb verstehen wir heute, dass eine Gewohnheit folgendermassen abläuft:

1. Auslösereiz («Klick»)
2. Routine (Automatismus quasi ohne Hirn-Aktivität)
3. Belohnung (Schokolade)

Wenn eine Gewohnheit entsteht, hört das Gehirn auf, sich mit vollem Einsatz an der Routine zu beteiligen. In uns spielen sich täglich Hunderte solcher Gewohnheitsschleifen ab. Einige davon sind einfache Abläufe, wie zum Beispiel, dass wir Zahnpasta auf die Zahnbürste drücken, bevor wir sie in den Mund stecken. Andere sind komplex, wie das Ausparkieren unseres Autos: Wenn wir geübte Autofahrer sind, braucht unser Gehirn nicht mehr die volle Aktivität, um zu überlegen, dass wir zuerst die Kupplung drücken müssen, bevor wir den Motor starten; oder wie weit wir das Gaspedal nach unten drücken müssen, um nicht zu schnell zu fahren. Viele unserer Tätigkeiten laufen als automatisierte Routinen ab, ohne dass sich unser Gehirn dabei mit vollem Einsatz beteiligen muss. Ohne diese Gewohnheiten würde unser Gehirn dichtmachen, überwältigt von den Details des Alltagslebens.

Gewohnheiten ändern
Gewohnheiten haben auch eine problematische Seite: Unser Gehirn kann nicht zwischen guten und schlechten Gewohnheiten unterscheiden, es praktiziert sie einfach. Was tun wir, wenn wir eine schlechte Gewohnheit erkennen? Wir können Gewohnheiten nie vollständig beseitigen, aber wir können sie ersetzen. Das geschieht folgendermassen:

1. Den Auslösereiz finden
2. Die gleiche Belohnung bereitstellen
3. Die Routine verändern

Angenommen du möchtest bei der Arbeit nicht mehr Schokolade naschen. Ist die Belohnung, die du suchst, die Befriedigung des Hungers oder besteht sie darin, die Eintönigkeit zu unterbrechen? Wenn du Schokolade naschst, um dir eine kurze Ablenkung von der Arbeit zu verschaffen, kannst du ohne Weiteres eine andere Routine finden – beispielsweise einen kurzen Spaziergang –, was dir die gleiche Ablenkung verschafft, ohne dass du Speck ansetzt.

Damit eine Gewohnheitsänderung von Dauer ist, muss man laut Forschern daran glauben, dass eine Veränderung möglich ist. Diese Überzeugung lasse sich durch Hilfe von anderen Menschen verankern.

Jesus ähnlicher werden
Auch unser Christsein ist keineswegs von Gewohnheiten ausgenommen. Als Christen sollen wir unserem neuen Leben entsprechend handeln. Paulus fordert uns in Römer 12,2 zu einer Erneuerung unseres Denkens auf. In Kolosser 3,9-10 weist er uns an, diese neue Art zu leben und zu denken wie neue Kleider anzuziehen. Das passiert nicht von selbst – die Kleidung fällt nicht automatisch an unseren Körper –, wir müssen bewusst darüber nachdenken, was wir anziehen wollen, und uns wiederholt entscheiden, die Kleidung anzuziehen, die unserem neuen Leben angemessen ist. Wenn wir unser ganzes Denken erneuern sollen, schliesst das auch unsere Gewohnheiten ein. Als Christen sind wir herausgefordert, aktiv schlechte Gewohnheiten durch gute zu ersetzen. So kann unser Denken und Handeln erneuert werden, damit wir Jesus ähnlicher werden. Wenn ich also z.B. gewohnheitsmässig mit harten Worten zurückgebe, wenn ich ungerecht behandelt werde, soll ich diese Gewohnheit durch Vergebung und Feindesliebe ersetzen.

Neue Gewohnheiten als Christ
In unserem neuen Leben wollen wir aber auch neue, gute Gewohnheiten schaffen, damit unser Denken dadurch erneuert wird: Ich mache es mir zur Gewohnheit, täglich in der Bibel zu lesen und zu beten, damit ich immer mehr lerne, was es heisst zu denken und zu handeln, wie es Gott gefällt und verherrlicht. Ein Schlüssel liegt auch darin, Gemeinschaft mit anderen Christen zu pflegen. Wenn eine Voraussetzung für Gewohnheitsänderungen der Glaube daran ist, dass Veränderung möglich ist und sich dies mit Hilfe von anderen Menschen verankern lässt, dann wäre es schade, wenn wir als Christen die Kraft der Gemeinschaft nicht nutzen würden, um einander zu helfen, unsere alltäglichen Gewohnheiten mehr dem neuen Leben entsprechend zu gestalten. 

Folgende Gewohnheiten haben sich in der Kirchengeschichte als zentral für die Nachfolge als Christ erwiesen: die Gewohnheit des Bibellesens, die Gewohnheit des Gebets, die Gewohnheit des Fastens, die Gewohnheit des Spendens und die Gewohnheit der Gemeinschaft mit anderen Christen.

Mehr als Selbstoptimierung

Wir sollen unser Denken und Handeln erneuern, damit wir immer mehr dem von Gott geschenkten neuen Leben entsprechen und Jesus ähnlicher werden. Das beinhaltet, schlechte Gewohnheiten abzulegen und neue, geistliche Gewohnheiten zu entwickeln. Aber wir tun das nicht, um uns etwas vor Gott zu verdienen. Im Gegenteil: Weil wir dieses neue Leben unverdient durch Gnade erhalten haben, ist die einzig angemessene Antwort darauf, dass wir Gott unser Leben – mitsamt unserem Denken und unseren Gewohnheiten – als Dank zur Verfügung stellen (Römer 12,1). Aber: Es geht nicht um blosse Selbstoptimierung, welche wir aus eigener Kraft erreichen können, sondern Gott ist es, der in uns den Wunsch erzeugt, seinem Willen entsprechend zu leben, und auch er ist es, der uns die Kraft dazu schenkt (Philipper 2,13). Wir sind darin ganz von ihm abhängig. Gott hat uns dieses neue Leben mit seiner neuen Denkweise wie Kleider bereitgelegt, aber wir müssen uns jeden Tag wieder dafür entscheiden, diese Kleider mitsamt den neuen Gewohnheiten anzuziehen.

Was willst du in der nächsten Woche bewusst pflegen, bis es zur Gewohnheit wird?