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Thema | April 2020


Wenn Leid über uns hereinbricht

Jedes Leid hat seinen eigenen Schatten und seine eigene Not. Jedes Leid trifft auch auf die unterschiedlichsten Charaktere, Lebensumstände und Lebensphasen und es wird daher ganz verschieden, das heisst schwerer oder leichter, verarbeitet. Wir möchten etwas von dem berichten, was uns herausgefordert und getragen hat, nachdem unsere zwei Söhne vor etwas mehr als einem Jahr tödlich verunfallt sind.




Im Leid zu sein ist ein offener Prozess, bei dem man nicht weiss, wie er sich verändern wird. Ganz unvermittelt kann man sich wieder im Leid und Schmerz finden, den man bereits überwunden glaubte. Auch nach einem Jahr treten bei uns Phasen auf, die an Intensität dem Anfang nicht viel nachstehen.

Aus einer Fülle von Themenfeldern, Erlebnissen und Kämpfen möchten wir vier herausgreifen:

Wie in Watte gehüllt
Als würde der Himmel über einen hereinbrechen, so empfindet man, wenn man ins Leid versetzt wird. Sofort ist klar: Das ist es, was ich nie für möglich gehalten habe. Jeder Gedanke, jeder Blick ist plötzlich wie getrübt und gedämmt, stumpf und zeitweise stechend und messerscharf. Bis zum Einschlafen – nur ein Gedanke, in der Nacht beim Erwachen ist er da; beim Aufstehen, bei der Arbeit, in der Freizeit – immer, überall, gegenwärtig. Doch auch etwas anderes ist da: Die Gegenwart Gottes. Das Wort Gottes: «Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht was er dir Gutes getan hat, der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen». Solche Worte sind da. Gegenwärtig. Unpassend scheinend! Zweifel auslösend. Und doch sind sie da, bleiben, tragen und ermutigen vom Schmerz weg auf den Schöpfer zu schauen. Der Schmerz ist auch da – aber wie in Watte gehüllt. Ich bin nicht allein mit dem Schmerz. Ansätze von Geborgenheit. Gott ist da und trägt.

Verluste, die in die Zukunft reichen
Nie hätten wir damit gerechnet, unsre Söhne so früh verlieren zu müssen. Wir wussten aber immer: sie sind eine Leihgabe. Wir haben die Beziehung zu ihnen genossen und gepflegt. Vieles unternommen, besprochen, diskutiert, auch gestritten und voneinander gelernt. Immer gewusst: Sie werden einmal ausziehen. So haben wir es uns aber nicht vorgestellt. Nicht so! Und auf einen Moment ist alles vorbei, alles, auch die Träume der Zukunft. Nie werden sie eine Frau nach Hause bringen. Nie werden ihre Kinder bei uns spielen. Nie werden sie uns im Alter besuchen und ermutigen … Der Verlust ist immens. Uns wird bewusst wie sehr auch kinderlose Paare oder Alleinstehende leiden, die sich auch einen anderen Lebensentwurf ausgedacht hatten.
«Steh des Nachts auf und schreie zu Beginn jeder Nachtwache, schütte dein Herz aus vor dem Herrn wie Wasser.» Klagelieder 2,19 ermutigt uns mit allem Verlust und Klage vor Gott zu kommen, sie vor ihm auszubreiten, er ist uns nahe. (Lies auch Klagelied 3 und achte auf den Tonwechsel).

Gemeinsam verarbeiten
Man ist geneigt Schmerz und Leid vergleichen zu wollen. Das ist fruchtlos – und doch wird es immer wieder getan. Leid lässt sich nicht vergleichen, sondern ist etwas völlig Persönliches. Dies wird bis in die Ehe hinein sichtbar, wie zwei Menschen, die vom gleichen Leid betroffen sind, völlig anders damit umgehen. Ganz schnell treten Spannungen auf, weil beide ganz andere Bedürfnisse haben. Dies wird z.B. auch bei den Gegenständen sichtbar, die wir stark mit den Verstorbenen verbinden:
Im Zimmer liegt ein Taschenmesser worauf der Name eines verstorbenen Sohnes steht. Er hat es von der Sonntagschule erhalten. Ich ertrage es nicht, dieses Taschenmesser zu sehen, mache daran herum, es in den Container zu werfen. Dann lege ich es aber in einem Nebenraum zuhinterst auf ein Tablar, um es nicht mehr sehen zu müssen. Zwei Tage später, als ich die Besteckschublade öffne, liegt es dort bei den Messern. Meine Frau möchte das Taschenmesser immer wieder sehen, sie freut sich an der Erinnerung.

Dies Beispiel macht deutlich, wie verschieden man mit dem Leid umgeht. Überdies ist man noch extrem empfindlich. Die Gefühle schlagen unvermittelt und heftig aus. Daher ist es in solchen Situationen für ein Ehepaar unbedingt notwendig, am Grundsatz festzuhalten: «Liebe heisst, die Bedürfnisse des anderen zu erforschen und zu stillen suchen». Gerade dieser Grundsatz erweist sich in doppelter Hinsicht als wichtig, weil er immer wieder aus der Trauer – die sich mit dem eigenen Schmerz befasst – hinausführt zum DU. Und das ist befreiend. Gleicherweise haben wir auch unsere Andacht immer wieder als befreiend erlebt. Allen Schmerz durften wir Jesus bringen und immer wieder wahre Hoffnung von ihm empfangen, denn er ist die Auferstehung und das Leben.
Mit Menschen des Vertrauens über die Verlusterfahrung auszutauschen, den Schmerz zu benennen und auszuhalten ist hilfreich. Denn «geteiltes Leid ist halbes Leid». Das Gespräch hilft, miteinander die Balance zu finden. Sich mit Gedanken der Trauer zu konfrontieren oder sich davor zu schützen. Beides braucht es zu seiner Zeit.

Wie geht es dir?
Diese Frage, die man gewöhnlich leichthin mit «Gut» beantwortet, erweist sich mit der Zeit als Schwierigkeit. Will mein Gegenüber wirklich wissen wie es mir geht? Oder ist es nur eine Verlegenheitsfrage? Darf ich darauf mit «Gut» antworten – auch wenn es mir längst alles andere als gut geht? Wir versuchen abzuschätzen, wann wir unser Herz öffnen und wann eher nicht. Zumeist sind wir überwältigt von der Anteilnahme, die uns entgegengebracht wird. Oft zeigt sie auf, dass viele Menschen selbst Leiderfahrungen gemacht haben. Wir erkennen dabei auch, wie schnell wir das Leid anderer aus dem Blick verloren haben.

Die einzig wichtige Frage
Weil wir in einer von Gott getrennten Welt leben, bricht Leid über Menschen, die mit Gott unterwegs sind, gleicherweise herein, wie über solche die nicht nach Gott und der Ewigkeit fragen. Da möchte noch mancher Christ werden, wenn er dadurch dem Leid und allem Beschwerlichen entfliehen könnte.
Tatsache ist: Der Tod ist das Sicherste für uns Menschen. Daher gilt es, auf die wichtigste Frage hinzuweisen: Habe ich Jesus oder habe ich ihn nicht? Das ist die einzige Frage, die noch Relevanz hat. Alles andere verblasst im Moment des Todes. Hast du Jesus als deinen Erretter angenommen?